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Peter Prange
20.04.2026
Ort: Schmallenberg
Beginn: 19:00 Uhr

70 Jahre Dichterstreit Schmallenberg

Ein Abend über Worte, Haltung und die Freiheit zu widersprechen

Es begann mit Literatur. Und endete im Streit. Im April 1956 trafen sich in Schmallenberg Autor:innen aus Westfalen, um über Literatur, Heimat und Tradition zu sprechen. Was als Austausch gedacht war, wurde zu einer Auseinandersetzung, die bis heute nachhallt: der Schmallenberger Dichterstreit. Ein Streit über Identität. Über Sprache. Über die Frage, wie frei Literatur sein darf - und muss.

70 Jahre später kehrt dieses Thema zurück. Nicht als Rückblick. Sondern als Einladung. WOLL-Magazin und WOLL-Verlag laden ein zu einem besonderen Abend zwischen Literatur und Musik, zwischen Erinnerung und Gegenwart: Deutschland - mon amour mit Peter Prange und Max Scheibe. Ein Programm, das berührt und herausfordert. Das Fragen stellt, wo einfache Antworten nicht genügen. Und das den Geist von damals ins Heute holt: Was bedeutet Heimat? Was darf Kunst? Und wie viel Streit braucht eine freie Gesellschaft? Mit Texten, Musik und klarer Haltung entsteht ein Abend, der mehr ist als Erinnerung. Ein Abend, der zeigt: Streit ist kein Makel. Sondern Voraussetzung für lebendige Kultur. Kommen Sie. Hören Sie zu. Widersprechen Sie. Denn genau darum ging es damals.

Unterstützt durch den Kunstverein Schmallenberg e.V. und die Stiftung Westfalen-Initiative für Eigenverantwortung und Gemeinwohl

Zum Hintergrund

Die Stadt Schmallenberg hatte sich um die Ausrichtung des vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe organisierten Dichtertreffens beworben, weil sie mit der Stadthalle nun über eine geeignete Lokalität verfügte. Zusätzlich wird die rege Tätigkeit der "Kulturellen Vereinigung" Schmallenberger Bürger:innen von Bedeutung gewesen sein, die seit Herbst 1945 äußerst aktiv war und Konzerte, Theaterstücke und Lesungen organisierte und so den "Hunger nach geistigen Dingen" nach dem Kriege, wie er in einer Ratssitzung von 1945 erwähnt wird, zu befriedigen suchte. Ab 1950 gehörten zum Vorstand der "Kulturellen Vereinigung" Kaufmann Albert Falke als Vorsitzender und Amtsdirektor Siebenkötter als Schriftführer. Die Stadt erhielt den Zuschlag für die Ausrichtung des Dichtertreffens und auf Einladung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe trafen sich vom 17. bis zum 20. April 1956 in der Schmallenberger Stadthalle Autor:innen, Literaturkritiker und Literaturwissenschaftler. Darunter befanden sich alle noch lebenden Preisträger des seit 1934 verliehenen Westfälischen Literaturpreises - also auch diejenigen, die vor 1945 durch das nationalsozialistische Regime ausgezeichnet worden waren.  Der Kreis wurde um einige junge Schriftsteller wie Ernst Meister, Friedrich Wilhelm Hymmen erweitert. Die teilnehmenden Autor:innen waren Josefa Berens-Totenohl, Friedrich Wilhelm Hymmen, Jānis Jaunsudrabiņš, Maria Kahle, Heinrich Luhmann, Ernst Meister, Paul Schallück, Hans-Dieter Schwarze, Erwin Sylvanus, Hertha Trappe, Walter Vollmer, Werner Warsinsky und Josef Winckler. Als Leiter des Treffens fungierte Clemens Herbermann, Pressechef des LWL und Herausgeber des „Westfalenspiegels“. Als wichtige wissenschaftliche Instanz nahm der in Münster lehrende Germanist Professor Clemens Heselhaus teil.

Was ist das Westfälische in der Literatur?

Zum umstrittenen, leidenschaftlich diskutierten Thema wurde die Frage: "Was ist das Westfälische in der Literatur?" Mit dieser Frage eng verbunden war die Problematisierung der Werke einiger sich eng an nationalsozialistisches Gedankengut anlehnenden und sich als dezidiert westfälisch verstehender älterer Schriftsteller und Literaturkritiker. Der Streit drehte sich darum, wie politisch Literatur ist, sein kann und sein muss, und war auch ein Generationenkonflikt, kam die Kritik doch vorwiegend aus den Reihen jüngerer Schriftsteller. Eine der anwesenden, umstrittenen Autorinnen war Josefa Berens-Totenohl, eine in der Zeit des Nationalsozialismus sehr gefragte Schriftstellerin und Rednerin. Für ihr Buch "Der Femhof" erhielt sie 1936 den Westfälischen Literaturpreis, den die Nazis als "kulturpolitisches Instrument" an regimetreue Autoren vergaben. 1891 in Grevenstein bei Meschede als Tochter des Dorfschmiedes geboren, wuchs sie in sehr ärmlichen Verhältnissen auf. Als gute Schülerin konnte sie eine Lehrerinnenausbildung machen, studierte danach Kunst in Düsseldorf. Sie reiste bis nach Afrika, kehrte aber 1925 ins Sauerland nach Totenohl bei Saalhausen zurück. Bereits 1931 trat sie der NSDAP bei. Ihr erster Roman "Femhof" erschien 1934. Er gehörte zu den meistverkauften Büchern im "Dritten Reich". Ähnlich erfolgreich war der Nachfolgeroman "Frau Magdalene".

Der Streit drehte sich somit im Kern um die literarische Qualität von "Heimatdichtung", welche in der NS-Zeit unter Vernachlässigung literarischer Qualität und der Beförderung zahlloser, die primitivsten Vorurteile fördernder Klischees und Stereotypen eine große Aufwertung erfahren hatten. Er stieß auf großes Interesse: Die wichtigsten regionalen Tageszeitungen, Rundfunk und Fernsehen waren am Treffen vertreten, auch die Schmallenberger waren sehr interessiert: Eine Lesung in der Schmallenberger Stadthalle hatte mehr als 1.000 Besucher:innen. Das Ergebnis des Konflikts war mittelfristig eine Umorientierung in der westfälischen Literatur. Der Westfälische Heimatbund zog sich aus der Literaturförderung zurück. Auch "Heimatdichtung" hatte sich fortan unumschränkt den ästhetischen und künstlerischen Anforderungen guter Literaturproduktion zu stellen. Noch nicht lange her ist die Umbenennung von Straßennamen im benachbarten Lennestadt, wo Josefa Berens-Totenohl gewohnt hatte: Der Rat der Stadt beschloss am 26.02.2014, die drei Straßenbezeichnungen, die in Gleierbrück an Josefa-Berens-Totenohl und deren Werke erinnern (Josefa-Berens-Straße, Femhofstraße, und Frau-Magdlene-Straße) umzubenennen. Schmallenberg blieb literarisch am Ball: 1993 wurde hier die Gesellschaft zur Förderung der Literatur im Sauerland in Schmallenberg, die Christine-Koch-Gesellschaft, gegründet, die sich mit der Literatur von Aufklärung, Klassik und Vormärz sowie regionaler Literatur und Mundart beschäftigt und ein Literaturarchiv unterhält. Autor:innen wie Friedrich Albert Groeteken, Christine Koch, Hanna Rademacher, Michael Soeder und Paul Tigges lebten in Schmallenberg. Heute sind hier noch ansässig die Autoren Herbert Somplatzki und Kurt Wasserfall.

Informationen
Datum:
20.04.2026, 19:00 Uhr
Ort:
Habbels
Bahnhofstraße 5
57392 Schmallenberg
Anfahrt (Google Maps)
Eintritt:
20 €
Veranstalter:
WOLL-Magazin und WOLL-Verlag
E-Mail:
Web:
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