Literaturtipp

Maria Tekülve

Abschied von Wiesken

Münster: agenda Verlag 2022

Während sie mit dem Traktor über die Wiesen schaukeln, zeigt Bernd Vanwoldt seiner kleinen Tochter Anna auf einer Landkarte, wo sich das Zentrum der Welt befindet: am Deepen Grund, ihrem Hof, in der katholischen Gemeinde Wiesken im nur scheinbar hinterwäldlerischen Münsterland. "Bei euch ist doch nix passiert!", kommentierte fünfzig Jahre später ein Großstädter. Weit gefehlt.

Im Laufe des mehrteiligen Epos, währenddessen uns die Autorin durch eineinhalb Jahrhunderte bewegter ländlicher Geschichte führt, tauchen wir in die Geschicke der Kleinbauernfamilie Vanwoldt und vieler weiterer Akteure ein: Handwerker, Gutsherren, Mägde, Arbeiter, Bauernvertreter, Pastore, Gastwirte, Lehrer u.v.a.m. Ihre Lebensläufe sind geprägt nicht nur von der regionalen und deutschen, sondern auch von der europäischen und sogar globalen Geschichte. Jede Epoche - die Blüte der Kaiserzeit, zwei verheerende Weltkriege, der Terror der Nazizeit, die fragile Nachkriegszeit, die Geburt der von Beginn an kontroversen EU-Agrarpolitik, der Kulturumbruch 1968 bis zur spätmodernen Gegenwart - brachte neue Chancen, Herausforderungen und Schicksale. Diese wiederum reflektieren - zu jeder Zeit unterschiedlich - ein enges, oft konfliktbeladenes Stadt-Land-Verhältnis bis hin zur gegenseitigen Sprachlosigkeit.

In einer empathischen Erzählsprache gelingt der Autorin nicht nur ein facettenreicher, historisch fundierter, ebenso kritischer wie wehmütiger Rückblick auf eine ländlich-bäuerliche Gesellschaft, die unwiederbringlich verschwunden ist - sondern auch ein hochaktuelles gesellschaftspolitisches Porträt, das die Menschen in Land und Stadt gleichermaßen angeht.

www.agenda-verlag.de

Maria Tekülve, aufgewachsen im Münsterland, studierte und promovierte in Geografie, Soziologie und Agrarökonomie in Göttingen sowie ihrem heutigen Wohnort Berlin. Ihr Berufsleben verbrachte sie in der Entwicklungszusammenarbeit, darunter mehrjährigen Aufenthalte in Sambia, Südafrika und Ghana. Bis zu ihrer Pensionierung 2021 war sie im Entwicklungsministerium tätig, oft mit Bezug zur EU- und internationalen ländlichen Politik. Nach zahlreichen Fachpublikationen und Essays legt sie mit "Abschied von Wiesken" ihren ersten Roman vor.

Aktuelles
  • Comic-Begeisterte gesucht!

    Das Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde-Stromberg sucht für seine kommende Sonderausstellung "Zok Roarr Wumm. Comics in Westfalen" (07.07. bis 29.09.2024) Personen, die über ihre Comic-Begeisterung berichten. Die daraus entstehenden Video-Interviews sollen als Filmbeitrag in der Ausstellung im Museum für Westfälische Literatur gezeigt werden.

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  • Beiträge aus "Am Erker" in der Literaturline

    Ihre persönliche Dichter:innenlesung: Seit 2001 bringt die Literaturline Informationen, Texte und Ton über das Internet ins Haus. Geboten wird ein Spektrum ganz unterschiedlicher Lesungen. Im April sind fünf Beiträge aus der Literaturzeitschrift "Am Erker" zum Thema Paarungen/Mixturen zu hören.

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  • Uljana Wolf erhält Ernst Meister-Preis für Lyrik

    Sie pflegt einen kunstvollen Umgang mit Sprache - für diesen wird die Dichterin Uljana Wolf am 10. April in Hagen mit dem Ernst Meister-Preis für Lyrik ausgezeichnet. In ihren Gedichten, Essays und Übersetzungen beobachtet sie unsere polyglotte Lebenswelt der Gegenwart.

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  • "Am Erker" sucht Texte

    Jedes Zusammensein von Menschen oder auch eine multiple Persönlichkeit entwickelt eigene Rituale, fordert Brauch und Sitte, baut sich eine Heimat, ob es nun die kleinste oder größte Gemeinde ist. Wer sind wir? Bis zum 30. Juni 2024 können Texte für die Ausgabe 87 der Literaturzeitschrift eingesendet werden, die unter dem Titel "Wir" steht.

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