Literaturtipp

Jutta Krähling

Das Jahr im Brennnesselhemd

Vechta: Geest-Verlag

"Die Coronapandemie hat uns in einem Punkt recht gleich gemacht: Unser aller Leben hat sich verändert. Einschränkungen und Begrenzungen gehören zum Alltag. Doch dann hören die Gemeinsamkeiten schon auf: Was für viele Unbequemlichkeiten und eine gewisse Umgewöhnung bedeuten mag, geht für andere an die nackte Existenz. Wie kommen diejenigen mit den Lockdownbedingungen zurecht, die schon vorher zu kämpfen hatten? Und diejenigen, die Covid aus der Bahn wirft?" Die Autorin hat das Literaturstipendium (Stipendium des Landes NRW) verwendet, um literarisch der Frage nachzugehen, wie Randgruppen die Pandemie 2020/2021 erlebt haben. Die Geschichten sind so vielfältig wie die Befragten quer durch alle Alters- und sozialen Gruppen. Sie erzählen von Trauer, Mut, Verzweiflung und Rebellion.

Es sind sechzehn Kurzgeschichten entstanden, die auf 102 Interviews beruhen. Das heißt, die Figuren und die Handlung sind konstruiert. Die Texte beruhen auf Recherchen und Jutta Krähling hat sich mit dem jeweiligen Hintergrund vertraut gemacht. Mit einer Ausnahme liegen allen Texten mindestens sechs, in der Regel acht Interviews mit Betroffenen zugrunde. Nur bei dem Text "Mein Mond hat Durst" (Schwerbehinderte) gab es keine Direktinterviews, sondern nur Gespräche mit dem betreuenden Pflegepersonal. Diese erste Phase verlief je nach Thema unterschiedlich schwierig, z.B. gab es bei den Obdachlosen große Scham und Unwillen sich zu äußern, wohingegen bei der Recherche zur Prostitution große Aufgeschlossenheit vorherrschte, da die Frauen ihre Position darstellen wollten. Die Interviews mit den Strafgefangenen gestaltete sich schwierig, da Telefonzeit teuer und zeitlich bemessen ist und es eine Besucher:innensperre gab. Die Arbeit unter Coronabedingungen brachte es mit sich, dass ein Teil der Interviews telefonisch stattfand. Dies hatte jedoch den Vorteil, dass der Radius sehr viel größer war und die Autorin auch Interviewpartner außerhalb NRW hatte. Der Text "Blick über ein weites Meer" bezieht sich überwiegend auf Gespräche mit jungen Leuten, die in Neuseeland "gestrandet" sind und zwei Interviews aus Australien. Die meisten der anonymen Interviews fanden in Ostwestfalen und im südlichen Niedersachsen statt. Die Gespräche, die auf Spaziergängen, an Gartenzäunen, telefonisch per Zoom und schriftlich stattfanden, waren sehr spannend.

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